Eine „goldene Generation“, die ihre Grenzen zu schnell erreicht
- Luca Kielhauser

- 4. Juli
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. Juli
Eine Bilanz der Fußball-WM 2026 und des ÖFB-Teams bei Großereignissen

Die Weltmeisterschaft in Nordamerika geht Step by Step in die heiße Phase. Nach vier Partien und dem ersten WM-K.-o.-Spiel seit 1954 ist Österreich nicht mehr Teil davon. Hier meine Gedanken zum ÖFB-Team bei diesem Turnier und darüber hinaus:
Der erste WM-Auftritt Österreichs seit 28 Jahren hat zumindest kurz eine Euphorie im Land für den Fußball entfacht, wie ich sie eigentlich noch nie erlebt habe. Watchpartys in Schulen, große Public Viewings in so ziemlich jedem kleinen Dorf und die Bereitschaft tausender Menschen, bereits um 4:00 Uhr morgens zu eben diesen zu gehen – darunter sogar unzählige, die ansonsten mit Fußball kaum etwas anfangen können. Von öffentlicher Seite in den großen Städten wie Graz oder Wien gab es bedauernswerter Weise kein oder nur ein stark reduziertes Angebot, die WM erlebbar zu machen. Dafür haben zahlreiche private Gastro-Unternehmen ihre "Verantwortung" erkannt und genau das umgesetzt.
Das schafft nur König Fußball
Dieses ganz spezielle WM-Lebensgefühl hat über den Atlantik in abgeschwächter Form sogar Österreich erwischt: gemeinsames Feiern, gemeinsame Freude, gemeinsame Enttäuschung, gemeinsame Momente in der Gegenwart ganz bewusst wahrzunehmen und zu erleben – eine Sache, die in Zeiten von Social Media und kurzen Aufmerksamkeitsspannen leider nur noch sehr selten passiert, die aber eben auch nur der Sport schafft. All das hat vielen Menschen, gekleidet in denselben Farben, ein Aufleben eines positiven kollektiven Identifikationsgefühls gegeben – ohne eben andere, die nicht dieselben Farben tragen, auszugrenzen. Ganz im Gegenteil: vielerorts waren Trikots und Fahnen unterschiedlicher Nationen der Grund, überhaupt erst aufeinander zuzugehen, in einen positiven Austausch zu kommen und sogar gemeinsam zu feiern. Ein wohltuendes Einigkeitsgefühl in einer Zeit, in der gefühlt alles schlechter und die Gesellschaft immer zerrissener wird. All jene, die selbst in Amerika dabei gewesen sind, werden diese Worte noch deutlich besser nachvollziehen können. Vielleicht gelingt es uns, ein bisschen davon bis zum nächsten Turnier in uns aufrechtzuerhalten.
Einen Anteil an der neuen Fußballeuphorie hatte selbstverständlich auch der eine oder andere Spielverlauf – und natürlich unsere Mannschaft. Das erste Spiel nach so langer Zeit bei einer WM ist immer schwierig, vor allem, wenn man ein derart hoher Favorit ist wie gegen Jordanien. Ein 3:1 nimmt man da gerne. Anschließend ein 0:2 gegen Argentinien nach einer bemühten Leistung. Und dann das wohl für immer in Erinnerung bleibende 3:3 gegen Algerien. Ein 0:3 gegen den amtierenden Europameister im Sechzehntelfinale ist auch kein Skandal. Nachfolgend eine kurze Einschätzung von mir bezüglich des Sportlichen.
Um Haaresbreite die Kurve gekratzt
Ohne jemandem zu nahezutreten zu wollen, möchte ich hier aber auch einen kritischen Blick auf unsere Leistungen werfen. Die allgemeine Gemütshaltung des "Das war eine gute WM von Österreich, passt schon." kann ich auch nachvollziehen, teile ich aber nach genauerer Betrachtung nicht. Für mich war die Performance in Ordnung, aber kommt nicht an "gut" heran.
Leider ist es uns in keinem Spiel gelungen, an unsere Bestleistung heranzukommen – auch nicht gegen Jordanien und Algerien. Hinzu kommt, dass man sich im letzten Gruppenspiel spielerisch fatal verkalkuliert hat. Dass man hier nochmals den Sensationstreffer erzielen konnte, war nicht nur ein Produkt großer Mentalität, sondern vor allem unfassbar großes Glück – auch dahingehend, dass man das Gefühl bekommt, dass die Algerier unbewusst aus Eigeninteresse vielleicht nicht ganz so konsequent verteidigt haben. Hätte man nicht so viel Glück gehabt, wäre man aufgrund dieser großen Fehleinschätzung und letztlich auch nicht zufriedenstellender Defensivleistung bereits in der Gruppenphase ausgeschieden. Die Gemütslage der Allgemeinheit wäre dann diesbezüglich eine gänzlich andere gewesen.
"Gegen die Großen tun wir uns leichter" war gestern
Gegen Argentinien hat man engagiert verteidigt, was auch zum Teil gut gelungen ist, weil man sich fast voll darauf fokussiert hat. Dass Österreich hier auch mehr Ballbesitz im Mittelfeld hatte als gegen Spanien, liegt schlichtweg an der taktischen Herangehensweise der Argentinier. Die lassen sich dann auch mal von selbst etwas fallen und den Gegner spielen. Das unterstreicht die sehr geringe Ausbeute an echten Torchancen von Österreich. Gegen die Ballbesitz-Mannschaft Spanien war das Bild ein ähnliches, nur eben, dass Spanien den Österreichern nicht wirklich eigene Spielphasen gewährt hat.
Verteidigt haben wir teilweise auch anständig, was aber eben auch daran liegt, dass Offensivspieler massiv unterstützt haben (z. B.: Sabitzer, Laimer). Dementsprechend ging nach vorne hin kaum was – und in Wahrheit gar nichts Gefährliches. Da Fußball eben aus der Balance zwischen Verteidigen und Angreifen besteht und wir nur deshalb einige Situationen einigermaßen gut wegverteidigt haben, weil die Offensivspieler am eigenen 16er mitverteidigt haben, ist auch das für mich nicht zufriedenstellend. Andere Nationen, mit denen wir uns messen sollten, hätten gegen Argentinien und gegen Spanien vielleicht auch in der Höhe verloren - hätten allerdings noch Kapazitäten gehabt, um auch nach vorne hin etwas entstehen zu lassen.
Das größte Manko des ÖFB-Teams
Im Gegensatz zur WM 2024 waren wir zu unentschlossen, zu mutlos und zu wenig einheitlich im uns charakterisierenden Pressing (vor allem bezogen auf Jordanien und Algerien, gegen die "Großen" ist das so ohnehin schwieriger möglich). Dazu fehlt natürlich auch ein Stürmer, der in Antritt und Geschwindigkeit auf dieser Bühne konkurrenzfähig ist (z. B.: Baumgartner). Aber dennoch hätte es hier mehr benötigt.
Zudem, und das ist meiner Meinung nach das größte Manko, habe ich das Gefühl, wir erkennen und verstehen Spielszenen erst einen Deut später als viele andere Nationalmannschaften, mit denen wir auf Augenhöhe sein sollten. Sowohl eigene Laufwege, Pässe und Körperbewegungen als auch jene der Gegner. Da haben viele mit uns vergleichbare Nationen die Nase vorn. Letztlich wirkt sich das auch auf die Kreativität und Unberechenbarkeit in den Angriffen aus. Hinzu kommen teilweise fehlende Passstärke und Passgenauigkeit bereits im Spielaufbau.
Vielleicht liegen die nicht zufriedenstellenden Bereiche unseres Spiels an der für viele Spieler körperlich sehr anspruchsvollen langen Saison, die sie hinter sich haben (z. B. Alaba, Xaver Schlager). Vielleicht hat es auch mit dem mittlerweile höheren Altersschnitt zu tun.
Das muss unser Anspruch sein
Wir sollten uns fußballerisch an Ländern wie der Schweiz, den Niederlanden, Kroatien, Norwegen und langfristig vielleicht sogar Portugal orientieren. Diese haben auch hinsichtlich der Einwohnerzahl ähnliche Bedingungen wie Österreich. Nach der WM 2024 und dem Sieg gegen die Oranje ist das auch unser Anspruch. Dem können wir nach diesem kurzen Lichtblick in Berlin leider nicht mehr gerecht werden. Natürlich kann man sagen: Kroatien und die Niederlande sind ebenso bereits im Sechzehntelfinale ausgeschieden. Das war jetzt aber untypisch früh.
Wenn wir dieses Turnier als Ende einer möglichen goldenen Generation betrachten und uns anschauen, welche Spieler aus welchen Ligen unser Team geformt haben, dann war die Ausbeute in dieser Äre leider doch sehr mau. Zwar hat man sich für die EM 2016, EM 2020, EM 2024 und die WM 2026 qualifiziert, jedoch kein einziges K.-o.-Spiel gewonnen. Kein Favoritensieg (z. B.: gegen die Türkei) und auch keine einzige "Sensation" - also ein Spiel, das man als Underdog mal gewonnen hat, weil man über sich hinaus gewachsen ist. Nicht gegen Portugal 2016, nicht gegen Italien 2020, nicht gegen Frankreich 2024, nicht gegen Spanien 2026. Anderen vergleichbaren Nationen gelingen solche Situationen sehrwohl ab und an. Ein Beispiel dafür: Die Schweiz schickte bei der EM 2020 die Franzosen nach Hause (Achtelfinale). Dafür fehlte uns leider immer die letzte Konsequenz. Und da frage ich mich dann schon: Wenn wir von einer "goldenen Generation" sprechen - müssen wir dann nicht auch zugleich sagen, dass ihr Output in ihrer Ära nicht zufriedenstellen gewesen ist? Die "Schuld" findet man hier bestimmt nicht bei Rangnick. Wohl viel eher findet man diese in der österreichischen Mentalität, die dem Spitzensport oft nicht ganz zuträglich ist.
Wer tritt in die Fußstapfen?
Auch wenn ich eigentlich keine Nachwuchsspieler sehe, die in die Fußstapfen der jetzt oder bald abtretenden Legenden treten können (wie übrigens auch Ralf Rangnick), hoffe ich natürlich auf das Beste für die nächsten Jahre und den uns bevorstehenden Umbruch in der Mannschaft. Wir haben einen von nicht vielen Trainern, die das gut moderieren können.
Ich hoffe allerdings auch auf ein von vielen Experten gefordertes Umdenken im Nachwuchs. Vom Mannschaftstaktischen mehr hin zum Gruppentaktischen und individuellen Training. Das Wichtigste sind die absoluten Basics, was man auch erkennt, wenn man sich Trainings von den Besten der Besten anschaut. Darauf wird bei uns vom Nachwuchs weg nicht so viel Wert gelegt - und das Ergebnis präsentiert sich uns spätestens bei Endrunden großer Turniere.
Nur mit Kampfmaschinen kommt man nicht weit, man braucht auch zwei, drei, vier technisch herausragende Spieler. Ein spielstarker, ballsicherer 8er oder 10er kann indirekt ebenso viel Druck von der eigenen Abwehr nehmen wie ein zweikampfstarker 6er. Das hat man besonders gut gegen Spanien gesehen, als wir vorne mit unseren individuell zu schwachen Spielern die Bälle kaum sichern konnten und im nächsten Moment wieder mit Abwehrarbeit beschäftigt waren.
Meine kritischen Worte deuten vielleicht darauf hin, dass ich völlig unzufrieden bin mit der Mannschaft. Das ist überhaupt nicht der Fall. Ich möchte damit nur Denkanstöße für die Zukunft geben und auf zu selten angesprochene verbesserungswürdige Details hinweisen. Diese Mannschaft hat uns mit ihrem Einsatz wieder die kollektive Freude an diesem wunderschönen Sport gelehrt. Bei aller Kritik bin und bleibe ich ein großer Fan unserer Nationalmannschaft.



Finde ich wunderbar zusammengefasst. Bei all dem Respekt und der Freude über dieses Team per se, bleibt sportlich irgendwie ein komischer Beigeschmack!